Wie unser Bodengefühl die Wahl von Bodenbelägen bestimmt

Bodengefühl und Wahl des Bodenbelages

Die Qualität des Bodens ist entscheidend für unser Wohlgefühl. Das ist so selbstverständlich, dass wir es oft gar nicht mehr wahrnehmen. Bewusst wird uns das meist erst dann, wenn wir uns auf abschüssigen, rutschigen Flächen bewegen. Müssen Menschen beschreiben, wie es ist, über eine Brücke mit durchsichtigem Glasboden zu laufen, fallen nicht zufällig Gefühlsbeschreibungen wie den „Boden unter den Füßen verlieren“ oder „ins Bodenlose stürzen“. Denn obwohl wir ihn täglich buchstäblich mit Füßen treten, ist es der Boden unter uns, der uns Sicherheit und Halt gibt. Dieses Grundgefühl bestimmt seit jeher auch die Gestaltung und Materialwahl von Bodenbelägen.

Bei Bodenbelägen sind Schrägen … einfach ziemlich schräg …

1970 veröffentlichte der französische Architekt Claude Parent gemeinsam mit dem Philosophen Paul Virilio eine Raumtheorie, die auf die Schräge als Gestaltungselement setzte. Der Legende nach entstand diese Theorie nach dem Besuch eines Weltkriegsbunkers an der französischen Atlantikküste. Der Bunker war in den weichen Sand eingesunken und der Boden so schräg, das im Inneren das normale Raumgefühl verloren ging. Parent gefiel dieser Verlust des Gleichgewichtsgefühls und baute fortan nur noch Räume mit Schrägen.

In der Architektur der Moderne machte ihn das zum Star. Wer sich heute in 99,9 % aller Häusern umsieht, weiß allerdings: der Idee fehlte es an Potential, sich durchzusetzen. Dabei hat die Idee der Schräge durchaus auch Vorteile. In Räumen mit schrägen Böden kann man auf viele Möbel verzichten. Stattdessen bieten Rampen unzählige Sitz- und Tischgelegenheiten. Ums Praktische ging es Parent allerdings nicht. An der Schräge fand er vielmehr spannend, dass sie unsere Sicherheiten auflöst. In seinen Augen war das gleichbedeutend mit einer Befreiung von einengenden Kategorien und Ordnungssystemen. Seine Bauten sollten Unsicherheit, Kontrollverlust und Schwindel erzeugen. Das ist eindeutig ein Konzept für ein Museum, in das wir bestenfalls gehen, um über so etwas nachdenken. Zuhause lieben wir dagegen alle die sichere, feste Ebene. Und das, zeigt der Blick in die Geschichte, war bei Bodenbelägen schon immer so.

Die Grundlage aller Bodenbeläge: der Estrich

Die vermutlich ältesten „Fußböden“ der Menschheit waren Schlafunterlagen aus Ästen, Gräsern und Blättern. In Afrika gibt es entsprechende Funde, die sich auf eine Zeit vor rund 77.000 Jahren datieren lassen. Es liegt allerdings nahe, dass solche Schlaffußböden schon wesentlich früher in der Menschheitsgeschichte auftauchten. Die ältesten, noch heute in Teilen erhaltenen Bodenbeläge (in unserem heutigen Verständnis des Wortes) sind Bodenmosaike, die vor rund 40.000 Jahren aus Steinen und Knochen angelegt wurden. Zur Blüte gelangte dieser Bodenbelag aber erst in der Antike.

Auch der Estrich dürfte Menschen schon lange bekannt sein. Wissenschaftlich belegt ist seine Verwendung allerdings erst ab etwa 5000 v. Chr. im Nahen Osten. Dieser Estrich bestand damals ausschließlich aus Lehm. Auch in Europa gibt es entsprechende Funde (die ungefähr auf die Zeit um 4500 v. Chr. datiert werden). Bekannt ist zudem, das gerade im ländlichen Bereich bis in die Neuzeit hinein, Lehmestrich in Scheunen und Wohnräumen als Bodenbelag verwendet wurde.

Das Material überzeugte durch hohe Brandsicherheit und gute Schalldämmung. Daher wurde es häufig auch auf Holzbalkendecken in höheren Stockwerken aufgetragen. Lehmestrich schafft ein sicheres und ebenes Bodengefühl. Eine edlere Variante des Estrichs sind die Terrazzo-Böden, die aus Bindemitteln und Zuschlagstoffen gemischt werden und sich ebenfalls großflächig verteilen lassen. Terrazzo-Böden erlebten ihre Blütezeit im römischen Kaiserreich und erfreuen sich dank vieler neuer Bearbeitungstechniken bis heute großer Beliebtheit.

Die Wahl des Bodenbelags war früher eine Frage des Standes

Welches Material für welchen Boden verwendet wurde, hing schon in den Zeiten des alten Roms vom jeweiligen Stand ab. So wurde beispielsweise die kaiserliche Loge im Kolosseum mit einem Marmorboden (selbstverständlich mit aufwändigen Intarsien) verlegt.

Die etwas höher platzierten Adligen bekamen einen Boden aus Travertin, während das Volk darüber sich auf Rängen drängen musste, deren Böden mit Ziegelpflaster belegt waren. Ganz oben war auch noch Platz für Frauen aus der Unterschicht. Sie mussten sich mit einfachen Holzplanken zufriedengeben. Der Begriff des „Bessergestellten“ hatte bei Fußböden eben schon früh eine wörtlich zu nehmende Bedeutung: Je höher der eigene Rang, desto sicherer und fester war auch das Trittgefühl des zur Verfügung gestellten Bodenbelags.

Die heutige Vielfalt an Bodenbelägen trägt zu einem nicht unerheblichen Teil dazu bei, uns das Gefühl zu geben, in einer privilegierten Periode der Menschheitsgeschichte zu leben. Wer mag, kann auf federweichen PVC- oder Linoleum-Böden wandeln. Technik und Zeitgeschmack lassen aber auch harten Zementestrich als Bodenbelag zu. Die Klassiker unserer Zeit sind aber zweifellos Laminat und Parkett. Und zwar plan verlegt. Denn so interessant die „schrägen“ Gedanken eines Claude Parents auch sein mögen, spätestens in den eigenen vier Wänden wünschen wir uns alle Kontrolle und Sicherheit. Die Geschichte zeigt, die Bodenbeläge waren schon immer darauf ausgelegt, uns eben dieses gute Gefühl zu bescheren.

Gerne beraten wir Sie zu all Ihren Fragen rund ums Thema Bodenbeläge – wir möchten, dass Sie sich auf Ihren Böden wohlfühlen!

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